„Wir werden zunehmend als Berater wahrgenommen“
Interview mit Anna Kolberg, Pflegefachkraft
„Pflegeheime im Prüfungsstress“ titelte eine große Berliner Zeitung im Sommer vergangenen Jahres. Wie die Journalistin dieser Zeitung haben zahlreiche Reporter in 2009 Qualitätsprüfungen in Berlin und Brandenburg begleitet und darüber in Funk, Fernsehen und regionalen Zeitungen berichtet. In den Beiträgen würdigten die Journalisten die Professionalität unserer Prüferinnen und Prüfer der Externen Qualitätssicherung. Hintergrund dieses großen Interesses von Seiten der Medien sind die seit dem 01.07.2009 in Kraft getretenen neuen Qualitätsprüfungsrichtlinien. Auch in diesem Jahr haben schon einige Medienvertreter Prüfungen des MDK Berlin-Brandenburg begleitet. Seit Dezember 2009 sind die Berichte öffentlich im Netz unter www.pflegenoten.de einsehbar. Ein Interview mit Anna Kolberg, die in Brandenburg seit 1997 für den MDK Berlin-Brandenburg Pflegeheime überprüft, gibt einen Einblick in den Prüfalltag.
Frage: Sie prüfen nun seit einem Jahr nach den Transparenzrichtlinien. Was verläuft aus Ihrer Sicht durch die neuen Richtlinien anders als vor dem 01.07.2009?
Kolberg: Das Interesse der Gesprächspartner in den Pflegeeinrichtungen an einer positiven Beantwortung der Prüf-Fragen scheint größer als zuvor. Die meisten Einrichtungen haben sich mit Qualitätsfragen intensiver befasst und betrachten den MDK stärker als Berater. Einzelne Einrichtungen haben sich gut über die in die QPR eingeflossenen Fragen der Transparenzvereinbarung informiert. Andere wiederum kennen die Transparenzvereinbarung inhaltlich nur wenig.
Frage: Wie ist die Reaktion des Heimpersonals, wenn Sie vor der Tür stehen? Sind sie meist sehr überrascht oder gar erschrocken?
Kolberg: Wir haben in den letzten Monaten überwiegend ambulante Pflegeeinrichtungen geprüft. Die Reaktionen reichten von erschrocken bis „wir haben schon auf Sie gewartet und gestern von Ihnen gesprochen.“ Überraschend schnell organisieren die Verantwortlichen einen zügigen Prüfablauf. Bei den ambulanten Prüfungen gibt es jedoch oft das Problem, dass die Pflegedienstleiterin in der Pflege unterwegs ist und wir deshalb zunächst einmal warten müssen.

Das Bild zeigt Frau Kollberg bei einer Pflegequalitätsprüfung in Templin
Frage: Wenn Sie ein Heim betreten, können Sie dann durch Ihre langjährige Erfahrung relativ schnell die Qualität des Heimes überblicken?
Kolberg: Das kann man so pauschal nicht sagen. Der erste Eindruck kann manchmal vor allem durch die Prüfungssituation sehr täuschen. Eine zunächst ablehnende Haltung bei den Verantwortlichen, ist oft nur Angst oder erste Verunsicherung. Ich kann mir aber meist schnell einen Eindruck über die Atmosphäre in stationären Einrichtungen machen. Dabei achte ich darauf, wie die Mitarbeiter mit den Bewohnern umgehen und ob der Umgangston respektvoll und freundlich ist. Einrichtungen mit einer guten Atmosphäre haben in der Regel auch gute Prüfergebnisse, weil den Verantwortlichen das Wohl der Pflegebedürftigen wichtig ist.
Frage: Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung haben die Durchführung von 1.500 Prüfungen bis 31.12.2010 vereinbart. Wie packen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dieses anspruchsvolle Ziel an?
Kolberg: Wir arbeiten zur Zeit viele neue Mitarbeiter in unseren Bereich ein. Um die Einarbeitung so effektiv und zügig wie möglich zu gestalten, haben wir unser Einarbeitungskonzept kürzlich optimiert und können schon erste positive Ergebnisse feststellen. Zudem haben wir auch weitere Prozesse optimiert, um die Anzahl der Prüfungen bei gleichbleibender Qualität erhöhen zu können.
Frage: Der MDK hat durch seine Prüftätigkeit insgesamt ein deutlich besseres Image bekommen. Auch unsere fachliche Akzeptanz in den Pflegeeinrichtungen ist inzwischen hoch. Wie äußert sich das bei Ihrer Arbeit?
Kolberg: Wir werden zunehmend als Berater wahrgenommen.
Die Diskussionen in den Einrichtungen beziehen sich nicht wie in der Anfangszeit darauf, „ob“ bestimmte Kriterien wichtig oder sinnvoll sind, sondern „wie“ die Anforderungen durch die Pflegeeinrichtung nachvollziehbar erfüllt und dokumentiert werden können. Man diskutiert sozusagen „auf Augenhöhe“. Die Atmosphäre während der Prüfung ist in den meisten Einrichtungen offen und konstruktiv. In den Abschlussgesprächen fragen wir die Gesprächspartner, wie sie die Prüfung und unser Vorgehen empfunden haben. Die meisten empfinden die Prüfung als Hilfe. Erstaunlich ist, dass diese Äußerungen auch von den Einrichtungen mit nicht so guten Ergebnissen kommen.
Frage: In den nächsten Monaten ist eine Evaluation der Transparenzkriterien geplant. Welche Verbesserungsbereiche halten Sie aus den bisherigen Erfahrungen für vordringlich?
Kolberg: Wichtig wäre auch mit den Verbänden, welche die Pflegeeinrichtungen vertreten, ins Gespräch zu kommen. Die Verbände haben die Transparenzvereinbarung unterschrieben aber offensichtlich ihre Mitglieder über die Inhalte und Berechnungsgrundlagen nicht wirklich informiert. Zumindest stellen wir in den Prüfungen immer wieder Informationsdefizite fest, die sich auf die Inhalte und die Bewertung von Transparenzfragen beziehen. Die Folge sind dann Widersprüche gegen Transparenzberichte, die sich durch Information im Vorfeld vermeiden ließen. Wir versuchen im Rahmen der Qualitätsprüfung diese Informationsdefizite zu minimieren und stellen klar, dass wir uns an die Transparenzvereinbarung in allen Punkten halten.
Frage: Abschließend noch: Was macht Ihnen Freude bei Ihrer Arbeit beim MDK?
Kolberg: Wenn man wie ich einen so langen Zeitraum der Durchführung von Qualitätsprüfungen betrachten kann, sieht man wie sich alles weiterentwickelt hat. Die Entwicklung ist manchmal sehr schleppend und unmerklich erfolgt, manchmal etwas deutlicher. Langfristig hat sich etwas bewegt und die Entwicklung wird durch die Transparenzvereinbarung noch mal neuen Schwung bekommen. Ich denke, dass unsere Impulsberatung mit zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Diese Entwicklung zu betrachten macht mir Freude, zumal insbesondere der Bereich der Ergebnisqualität eine wesentliche Verbesserung erfahren hat.
Mir macht auch Freude, dass ich mich bei der Optimierung von eigenen Prozessen innerhalb unseres Fachbereiches und bei der Weiterentwicklung der Qualität unserer eigenen Arbeit immer mit einbringen kann und dass unsere Bemühungen und Ergebnisse von der Leitung geschätzt werden.
Frau Kolberg, vielen Dank für das Interview.
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